Alpenfeuilleton
Susannah Haas, 31. Oktober 2016

Kann Kunst Europas Grenzen aufweichen?
[...] Das Herzstück des Festivals war nämlich Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, der sein Gewehr gegen eine Fidel eintauscht – und sie dann an den Teufel verliert. Die Tanzperformance, vom Innsbrucker Ensemble begleitet und wunderbar choreographiert von Daniel Renner, findet auf zwei Ebenen statt: Auf der Bühne und auf einer Leinwand. Eingeleitet wird sie mit CNN, „Mosul Defense“, „ISIS Assault“ – Krieg ist heute und jetzt, an Europas Grenzen.

Wenn wir, so wie Strawinskys Soldat, die Violine gegen ein Zauberbuch – also: Kunst gegen Macht, Sinn gegen Zweck – eintauschen, werden wir sie mit großer Sicherheit nicht mehr zurückbekommen. Strawinskys Bilder sind archaisch, aus einer Zeit vor den Nationalidentitäten. Die Botschaft ist universal. Der Soldat landet in der Hölle, in Gewalt und Entfremdung. Das passiert, wenn wir die Kunst aufgeben. Und vielleicht möchte das Festival „Borderless“ auch ein wenig davor warnen. Dann ist auch die Funktion von Kultur neu definiert, sie wird existenziell.

Symbolisch besonders schön ist Griechenlands Rolle im Projekt. Griechenland, ohne das Europa kaum vorstellbar ist, und das heute kulturell wie politisch am Margin, an der Grenze steht und laufend marginalisiert wird – und sich selbst marginalisiert. Neben Berlin und Innsbruck ist Athen dritter Standort der Camerata. Die künstlerische Leiterin hat seit über 10 Jahren die hervorragende griechische Dirigentin Maria Makraki inne. Das ist natürlich bis zu einem gewissen Grad immer politische Botschaft. Aber es darf die Politik auch nicht überhand nehmen – sonst leidet die Kunst.

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